Es war vor rund 15 Jahren, Rumänien war noch nicht EU-Mitglied und außer einigen Schauergeschichten rund um Dracula und einem ebenso fürchterlichen Diktator wusste ich nicht viel von dem Land. Ich lernte in Deutschland eine junge Frau kennen, die aus Brasov, dem früheren Kronstadt kam und in Deutschland studierte. Sie erzählte mir von der Schönheit ihrer Heimatstadt und ich beschloss, einfach mal mit der Bahn hin zu fahren.

Meine Reise begann in Dortmund. Von dort konnte man zu dieser Zeit noch mit einem Eurocity über Wien nach Budapest fahren. Zu dem Zug gehörte auch ein ungarisches Bordrestaurant. Dort wurde frisch gekocht und es gab alle die Spezialitäten, die man sich vorstellte, wenn man nach Ungarn reist: Gulasch und die berühmte Paprika-Salami zum Beispiel. Aber auch das ungarische Bier ist wirklich gut. Die 12 Stunden nach Budapest vergingen schnell.

Restaurierte Halle im Bahnhof Budapest-Keleti: So schön kann Bahnhof sein. Zum Zeitpunkt der Reise war hier jedoch noch nichts renoviert…

In Budapest angekommen, wartete schon der Nachtzug auf mich. Viel Zeit, das spektakuläre Bahnhofsgebäude Budapest Keleti zu bewundern, blieb nicht. Für die Fahrt nach Brasov hatte ich einen Schlafwagen gebucht. Damals wurden auf dieser Strecke alte ungarische Wagen eingesetzt, die irgendwann einmal in der DDR gebaut wurden. Mein Schlafwagenschaffner war offenbar auch noch einer von der sprichwörtlichen alten Garde. Er liebte den Schnaps und hasste die rumänischen Nachbarn. Wir kamen ins Gespräch und er erzählte mir, wie schrecklich dort alles sei. Das Essen sei schlecht und alles sei schmutzig. Und erstrecht die Grenzkontrollen – also die seien ja besonders fürchterlich.

Als wir dann in den Grenzbahnhof auf ungarischer Seite einfuhren, war mir schon etwas mulmig zumute. Aber wir waren ja noch in Ungarn und ich könnte ja vielleicht doch noch aussteigen… Natürlich blieb ich im Zug. Schließlich hatte ich schon ganz andere Länder besucht. Nach etwa 10 Minuten hatten wir den rumänischen Grenzbahnhof Curtici erreicht. Ich rechnete mit dem Schlimmsten. Schließlich waren die ungarischen Bahnhöfe schon wenig einladend, dunkel und trostlos.

Wir hielten am Bahnsteig des Grenzbahnhofs. Alles war hell erleuchtet, blitzblank geputzt und überall waren bunte Blumen gepflanzt. So sieht also „schrecklich“ aus, dachte ich?! Hatte der ungarische Schaffner vielleicht etwas übertrieben? Aber warten wir mal auf die Grenzpolizei und Zöllner. Die kamen dann auch in unseren Wagen und kontrollierten die Pässe der Reisenden. Die Beamten waren außerordentlich freundlich und verteilten die, bei Touristen begehrten Stempel. Es folgten die Beamten des rumänischen Zoll. Die warfen einen kurzen Blick in meinen Koffer und verabschiedeten sich dann in deutscher Sprache und wünschten eine angenehme Reise. Aha, dachte ich. Blumen, Sauberkeit und Freundlichkeit. Das war mein erster Eindruck des unbekannten Landes. Ich glaube, der Schlafwagenschaffner mag die Nachbar einfach nicht. Ich beschloss, schlafen zu gehen. Schließlich wurde der Zug noch viele Stunden bis an den Zielort unterwegs sein.

Einzuschlafen war gar nicht so einfach. Während der sozialistischen Diktatur wurden nur die nötigsten Arbeiten am Streckennetz erledigt. Dementsprechend groß war der Investitionsstau. Da man nach der Wende zunächst das Straßennetz in Ordnung brachte, war zum Zeitpunkt meines ersten Besuchs noch viel zu tun bei der Bahn. So schaukelte und schüttelte sich der Zug durch die Nacht und bis ich dann endlich eingeschlafen war, vergingen ein paar Stunden.

Damals sahen die Bordrestaurants noch recht rustikal aus.

Eine Stunde vor der Ankunft des Zuges taucht auch der Schlafwagenschaffner wieder auf. Der riecht immer noch wie in Alkohol eingelegt, findet aber immerhin meine Fahrkarte wieder, die er während der Nacht für etwaige Kontrollen aufbewahrt hatte. Unser Zug ist inzwischen in Transsilvanien angekommen. Draußen ist es satt grün und geradezu romantisch schöne Dörfer ziehen am Fenster vorbei. Unser Zug fährt nur noch Schrittgeschwindigkeit und schaukelt beunruhigend. Wir sind gleich da, lallt der Schaffner. Kurze Zeit später halten wir in Brasov.

Rumänische Lokomotiven: einst das Rückgrat des Ostblocks – heute auf dem Weg zu neuen Märkten.

Ein sozialistischer Bahnhofsbau ohne Schnörkel, ziemlich heruntergekommen. Ich finde eine Gepäckaufbewahrung und gebe erstmal alles ab um die Umgebung zu Fuß zu entdecken. Draußen, vor dem Gebäude sieht es auch nicht besser aus. Ostblock-Plattenbauten weit und breit. Wo ist jetzt die Schönheit, von der meine Bekannte geschwärmt hatte? Ich laufe einen guten Kilometer. Immer noch Ostblock. Schließlich spreche ich einen Passanten an. Der junge Mann spricht sehr gut englisch und ich erzähle ihm, dass ich auf der Suche nach der Schönheit der Stadt sind. Er lacht und fragt, ob ich irgendwo in Europa schonmal eine schöne Bahnhofsgegend gesehen hätte. Habe ich natürlich nicht. Er schickt mich in die Altstadt.

Langsam verstehe ich, was die Bekannte meinte. Die Altstadt besteht aus zahllosen, aufwändig restaurierten Häusern, die oft mehrere hundert Jahre alt sind. Die lange Fußgängerzone wird im Sommer zum längsten Biergarten des Landes. Hier kann man essen, Kaffee trinken, mit neuen Bekannten plaudern und den Tag genießen.

Für mich war es also eine Art Liebe auf den zweiten Blick – dafür aber eine Liebe, die bis heute gehalten hat. In vielen Besuchen, die in den vergangenen 15 Jahren folgten, habe ich viele Freund und Bekannte in Transsilvanien gefunden und das Umland erkundet. Natürlich war ich auch in der Burg Bran. Die ist gleich nebenan und war die Heimat des Vlad Tepes. Er gilt als Vorbild für die – wenig realistischen – Geschichten um Dracula.

Die Fußgängerzone in Brasov: Schon damals die größte Open-Air-Gastronomie im Lande.

Neben vielen schönen alten Häusern gibt es in Transsilvanien scheinbar endlose wunderschöne Natur zu entdecken.

Dieser Reisebericht ist inzwischen mehr als 15 Jahre alt. Inzwischen hat sich viel getan im Land; auch bei der Eisenbahn. In unserem Reiseführer finden Sie in Zukunft immer wieder aktuelle Beiträge aus diesem spannenden Land.

 

Titelbild: Hauptbahnhof in Bukarest: Damals gab es keine elektronischen Zugzielanzeiger. Alles Wissenswerte wurde auf dieser Tafel angezeigt.

 

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